Peng Tso-kwei: Der grundlegendste Beitrag der Landwirtschaft war und ist die ausreichende Versorgung der Bewohner Taiwans mit Nahrungsmitteln und die qualitative Verbesserung der Ernährung. Abgesehen von der lokalen Selbstversorgung waren Agrarprodukte und verarbeitete Lebensmittel aus billigen Rohstoffen früher aber auch Taiwans wichtigste Devisenquelle. 1953 beispielsweise machten sie 95 Prozent der Gesamtexporte aus, und die Landwirtschaft war zweifellos der wichtigste Wirtschaftszweig. Vor den sechziger Jahren arbeitete über die Hälfte der Bevölkerung Taiwans auf den Feldern. Sie waren so auch die wichtigste Verbrauchergruppe der Insel, und ihre Kaufkraft stimulierte das Wachstum der Leichtindustrie.
Unter der Regierungsdevise "Mit Hilfe der Landwirtschaft die Industrie aufbauen" wurde überschüssiges Kapital aus dem Agrarsektor zu Industrie und Handel transferiert, und bei der Landwirtschaft anfallende Steuereinnahmen wurden auch zur Unterstützung der Entwicklung anderer Wirtschaftsbereiche verwendet. Die Bedeutung der Landwirtschaft in Bezug auf die Gesamtwirtschaft hat zwar durch den Aufschwung von Industrie und Handel in den siebziger Jahren abgenommen, aber die Landwirtschaft wurde zur wichtigsten Quelle unseres Arbeitskräftepotentials, weil viele fleißige Niedriglohnarbeiter von der Landwirtschaft in andere Branchen überwechselten.
Wo liegen die Ursachen für Taiwans landwirtschaftlichen Erfolg?
Der wichtigste Grund für die landwirtschaftlichen Errungenschaften der Insel ist der Fleiß der Bauern. Taiwans landwirtschaftliche Anbaufläche war immer schon sehr begrenzt, aber die Bauern nutzen sie zur Erhöhung der Produktivität und für rasche Reaktionen auf Anforderungen des Marktes gut aus. Sich wandelnde Bedürfnisse der Verbraucher führen etwa alle zehn Jahre zu einer vollständigen Wandlung des landwirtschaftlichen Produktprofils. Das ist besonders beeindruckend, wenn man die Schwierigkeiten bei Umstellungen in einem biologischen Gewerbe berücksichtigt.
Zum Fleiß der Bauern kam dann Taiwans landwirtschaftliches Forschungs- und Entwicklungspotential dazu. In den fünfziger und sechziger Jahren konnten wir die Produktivität des Ackerlandes erhöhen und durch eine Reihe von biologischen Innovationen neue Sorten erzeugen. In dem folgenden Jahrzehnt trat wegen der Entwicklung anderer Wirtschaftssektoren ein Personalmangel auf, daher verlegten wir unsere Bemühungen bei Forschung und Entwicklung auf technische Neuerungen zur Intensivierung der Arbeitsproduktivität. In den achtziger und neunziger Jahren wandte sich unser Forschungsschwerpunkt der Entwicklung von Biotechniken zur Züchtigung hochwertiger Sorten und der Computerwissenschaft zur Förderung landwirtschaftlicher Automatisierung zu.
Die Regierung hat viel zur Unterstützung der landwirtschaftlichen Entwicklung beigetragen. In den Jahren kurz nach der Verlegung der Zentralregierung der Republik China nach Taiwan 1949 setzte sie eine Reihe von Maßnahmen über Grundbesitz und Bauernverbände durch. Daß die Bauern ihr eigenes Land haben konnten und eigene Organisationen bilden durften, hat sie zu großem Fleiß motiviert. Die Reformen haben eine solide Grundlage für unsere Landwirtschaft geschaffen, so daß sich Taiwan rasch von den Folgen des Zweiten Weltkrieges erholen konnte und ein gleichmäßiges Wachstum ermöglicht wurde.
In den letzten Jahrzehnten hat die Regierung Fragen der landwirtschaftlichen Infrastruktur wie Bewässerungssystemen, Befestigung von Hanglagen und Hochwasserkontrolle besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Entsprechend den Veränderungen der Wirtschaftsstruktur auf dem Lande korrigiert die Regierung auch ihre Agrarpolitik. Früher haben wir andere Wirtschaftssektoren mit Kapital aus der Landwirtschaft versorgt; heute unterstützen die anderen Sektoren die Landwirtschaft, und ihre wirtschaftliche Bedeutung ist geschwunden.
Welchen Herausforderungen steht der Agrarbereich gegenüber, und welche Maßnahmen sind zu einer Aufrechterhaltung der Entwicklung nötig?
Die Regierung bemüht sich mit besonderem Nachdruck um eine soziale Absicherung der Bauern. Landwirtschaft ist ein riskantes Gewerbe, und immer mehr Bauern sehen ihren Lebensstandard bedroht. Angesichts der Liberalisierung des Marktes -- fast alle Produkte können nun frei importiert werden, und bei einer Aufnahme unseres Landes in die Welthandelsorganisation (World Trade Organization, WTO) werden sogar die gegenwärtig noch bestehenden Schutzzölle für Reis abgeschafft -- und anderer Risiken wie Naturkatastrophen hat die Regierung die Verantwortung, ein stabiles System zur sozialen Absicherung der Bauern aufzubauen.
Eine weitere Herausforderung ist der Wandel in den Beziehungen beiderseits der Taiwanstraße. Vom Festland nach Taiwan geschmuggelte Agrarprodukte haben Probleme verursacht, wir haben etwa durch die Maul- und Klauenseuche schwere Verluste erlitten. Außerdem gibt es noch bürokratische Einschränkungen. Manche überholte Regelungen, etwa betreffs der Bauernverbände oder der Freigabe von Brachland, müssen geändert werden.
Die Freihandelspolitik der Regierung und die Aufnahme in die WTO werden ebenfalls spürbare Auswirkungen auf die Landwirtschaft haben. Taiwans landwirtschaftliche Entwicklung wird in großem Maße von den Veränderungen des internationalen wirtschaftlichen Umfeldes abhängen. In den nächsten fünf bis zehn Jahren erwarten wir einen strukturellen Wandel. Durch das Wegfallen der Schutzzölle werden sich die Bauern einer immer stärkeren Konkurrenz von Importprodukten ausgesetzt sehen.
Ein anderer Nachteil ist die geringe Größe der landwirtschaftlichen Betriebe. Die Durchschnittsgröße einer Farm in Taiwan beträgt nicht mehr als einen Hektar, in Europa aber vierzig Hektar und in den USA sogar 200 Hektar. Geringe Größen erhöhen die Kosten und verringern die Konkurrenzfähigkeit.
Um der Branche größere Konkurrenzvorteile zu verschaffen, haben wir den Bauern mit kleinen Betrieben empfohlen, sich in Kooperativen zusammenzuschließen. Es wurde außerdem agrarspezifische Biotechnik und Automatisierungstechnologie an private Betriebe weitergegeben, damit die Bauern effizienter Qualitätsprodukte anbauen können. Wenn aber die einheimischen Verbraucher wegen der importierten Ware eine größere Auswahl haben, müssen die Bauern sich an die Bedürfnisse einer modernen Gesellschaft anpassen und das Vertrauen der Verbraucher erwerben. Dazu modernisieren wir unser Vermarktungssystem und versuchen, den Bauern Vermarktungskonzepte zu vermitteln. Im Streben nach Konkurrenzvorteilen dürfen wir aber keinesfalls die Wichtigkeit einer ausreichenden Eigenversorgung mit Nahrungsmitteln aus dem Auge verlieren. Zur Deckung unseres Eigenbedarfs müssen wir ein stabiles und effizientes Umfeld für die Agrarproduktion schaffen.
In den letzten Jahrzehnten hat sich die Rolle der Landwirtschaft sehr verändert. Vom wirtschaftlichen Blickwinkel her müssen wir anerkennen, daß die Landwirtschaft mit dem Boom bei Industrie und Handel nicht Schritt halten kann. Bei der Betrachtung aus einer anderen Richtung her wird aber klar, daß bestimmte Aufgaben der Landwirtschaft noch immer nicht von anderen Sektoren übernommen werden können -- die Aufrechterhaltung eines ökologischen Gleichgewichts und eine grüne Umgebung zum Beispiel. Darum ist die Existenzberechtigung der Landwirtschaft nicht in Frage zu stellen, nur über den Umfang der Landwirtschaft darf geredet werden.
Wir wollen in Taiwan eine effiziente, konkurrenzfähige und weniger reglementierte Landwirtschaft auch mit nicht -kommerziellen, umweltschützerischen Aufgaben. Und es ist ebenso wichtig, daß durch Verbesserungen in der Landwirtschaft freigewordene überschüssige Ressourcen wie Arbeitskräfte, Land oder Wasser systematisch den anderen Sektoren übertragen werden.